… ein kleines Mädchen, wohlgestaltet und schön. Ihre Eltern waren sehr stolz
auf sie und kleideten sie in feine Stoffe, damit die Welt erfuhr, wie reich und ge
segnet sie waren.

Doch tief in ihrem Inneren trug das Kind Gaben, die niemand verstehen konnte – und niemand sehen wollte. Denn Zeit war knapp, und Liebe noch knapper.
Es gab immer so viel zu tun.

So lernte das Mädchen früh die Stille der Einsamkeit kennen. Und litt daran.
Doch in den Nächten, wenn alles schlief, beugten sich die Sterne zu ihr herab,
flüsterten leise Trost und legten ihr ein Versprechen ins Herz:
Eines Tages wird alles gut.

Die Jahre vergingen, und das Haus füllte sich mit Streit. Der Vater ging fort in
ferne Länder, die Mutter wurde hart und unruhig wie ein aufziehender Sturm.
Angst zog in das Herz des Kindes ein. Und wieder, Nacht für Nacht, flüsterten
die Sterne: Irgendwann wird alles gut.

Das Mädchen reifte heran zu einer jungen, wunderschönen Frau.
Sie hatte inzwischen gelernt, dass sie mit ihrem Zauber fast alles erreichen
konnte: Dinge, Menschen, Macht. Sie musste sich nur auf ihr Ziel konzentrieren,
ausdauernd sein und Kollateralschäden ignorieren.
Das Geflüster der Sterne interessierte sie nicht mehr. Zu oft hatten sie nur ver
tröstet und nicht erfüllt.

Sie ging ihren Weg – schnell, zielgerichtet, unaufhaltsam. Sie verführte, spielte,
nahm, was sie begehrte. Sie lebte im Rausch des Mehr, Höher, Weiter, Schneller.
Und während sie schlief, tief und ohne Reue, verstummte schließlich auch das
Universum. Denn ein Gesetz war zu oft schon gebrochen worden:
Füge keinem Wesen Schaden zu!
Der jungen Frau war nicht bewusst, dass ein weiteres universelles Gesetz be
sagte, dass Gleiches Gleiches anzieht. Woher auch, denn sie interessierte sich ja nur für sich selbst und kaum für etwas anderes.

Sie erbaute sich ein Reich, erschuf sich ein Leben – mit einem Mann und
Kindern. Doch dieses begann leise zu bröckeln.
Das Geld wurde knapp, die Tage schwer. Sie arbeitete mehr, gab mehr, verlor
sich mehr.
Es gab immer so viel zu tun.

Die Kinder sehnten sich nach ihr, waren einsam.
Der Mann suchte Wärme in der Ferne.
Und sie selbst wurde müde, hart und leer.
Schönheit und Liebe verflossen. Ihre Gaben trübten ein.

Da stand sie nun allein – mit ihren Kindern, ohne Halt, ohne Schutz. Und zum
ersten Mal sah sie: Ihr Leben war ein Spiegel geworden, ein Echo der Vergangenheit. Ein Kreis aus Angst, aus Macht und Verlust.

Sie beschloss für ihre Kinder, dass sie alles tun würde, um einen erneuten Zyklus zu durchbrechen. Also richtete sie ihren Blick nach vorn und errichtete sich Stein um Stein ein
neues Reich.

Den Stolz legte sie ab und schämte sich nicht, Freunde um Hilfe zu bitten.
Hatten ihre Kinder Sorgen, verharrte sie in ihrem Tun, um sich diesen zu wid
men. Ihren Mitmenschen schenkte sie Mitgefühl und Liebe.
Je mehr ungesunde Verhaltensmuster sie ablegte, desto mehr Glück trat in ihr
Leben.

Und eines Tages kehrten die Sterne zurück. Sie flüsterten ihr zu, dass jetzt bald
die Zeit gekommen war, in der sich alles zum Guten wenden würde.
Die Frau blickte hinaus in die Welt und erkannte darin nur das, was sie hinter
sich gelassen hatte. Angst. Gier. Verlust. Wie würde es den Sternen nur gelingen, all dies in Liebe zu verwandeln?

Doch die Sterne schmunzelten nur und flüsterten: Geduld!
Da verstand sie, dass es einen höheren Plan gab, denn die Zeit war reif, dass die Menschen lernten, sich gegenseitig zu respektieren und zu lieben.
Doch Geduld war schwer. Zu lange hatte sie gewartet. Zu sehr hatte sie sich
nach Seelen gesehnt, die sie verstanden. Und nun sollte sie wieder warten, bis
ihre Mitmenschen endlich erwachten?

Wieder weinte sie in der Nacht. Doch die Sterne beruhigten sie auch dieses Mal
und flüsterten: Du bist nicht allein.

Wir senden dir Gefährten,
einer, der sieht wie du.
Einer, der fühlt wie du.
Und einer, der wartet wie du.

Gemeinsam werdet ihr Zeugen des Wandels sein, so wie die allerersten Men
schen Zeugen des Lebens auf Erden wurden.

Daraufhin trocknete die Frau ihre Tränen. Sie wusste, ihr Leben war längst zu ei
nem Wunder geworden.

Was auch kommen mochte, sie beschloss, zu vertrauen.
Dem Weg.
Den Sternen.
Und sich selbst.
Alles hatte seinen Sinn.
Alles war im Wandel.
Und alles war gut.