Inspiriert durch einen Freund, möchte ich heute mal etwas Anderes mit dir teilen.
Vor etlichen Jahren habe ich einen Jugend-Fantasy-Roman geschrieben, der leider nie veröffentlicht wurde. Bislang habe ich nie genügend Beziehungen zur Verlagswelt erlangt, um meine Werke auf klassische Weise veröffentlichen zu können. Na ja, vielleicht wird ja in der Zukunft noch was draus…
Die Geschichte des Romans wird in drei verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt. Hier nun drei Auszüge aus den einzelnen Sichtweisen (Archetypen).
Mit welcher Perspektive resonierst du am meisten? Vielleicht kannst du intuitiv etwas für dich daraus mitnehmen.
Hierzu wurde mir bewusst, dass Perspektive und Fokus sehr wichtig im Leben sind, auch die anderer Menschen anzuerkennen, zu würdigen und zu versuchen, diese zu verstehen. Da wir alle füreinander Spiegel sind, ist dies manchmal wichtig und führt uns zu ganz neuen Erkenntnissen, die wir bislang noch nicht besaßen. Hier eine Demonstration anhand meiner geistigen Ergüsse aus früheren Jahren:
Perspektive 1 / Die Naive (Lilly):
… Der Morgen kam schnell, und ich wäre am liebsten im Bett geblieben. Doch ich rappelte mich auf, versorgte meine Tiere und stellte mich danach unter die Dusche in meinem kleinen Bad, das Konstantin mir einst einbauen ließ. Wie immer genoss ich den heißen Wasserstrahl, der meine müden Glieder durchblutete. Als Konstantin zum Frühstück rief, war ich angezogen und setzte mich seufzend die Treppe hinab in Bewegung. Kummer schlug mir auf den Magen, sodass ich kaum einen Bissen essen konnte. Mein frisches Eieromelett mit selbstgemachter Marmelade verfütterte ich daher an den dankbaren Tampon.
Konstantin, bereits im Trainingsoutfit – schwarze Hose, neongrünes Shirt – beobachtete mich mit sorgenvollem Blick. „Komm her!“, sagte er plötzlich rau, zog mich kräftig auf seinen Schoß, als wäre ich noch ein kleines Mädchen. „Was auch geschieht, ich hab dich sehr lieb, vergiss das nicht“, hauchte er. Ich lehnte meine Stirn kraftlos an seine und schloss für einen Moment die Augen. Es beruhigte mich zu wissen, dass immer jemand auf meiner Seite stehen würde.
Nach dem Frühstück fuhr ich mit meinem Mountainbike zur Schule und dachte beim Fahren nur daran, was die Anderen sagen würden, wenn ich die Busgeschichte richtigstellte. Würden sie mich verachten? Hassen? Ich war nur froh, dass niemand ernsthaft verletzt worden war. Ich hätte es mir niemals verziehen, wenn einem meiner Mitschüler etwas passiert wäre – so wie Mama und Papa damals.
Vor der Schule stellte ich mein Fahrrad in einen freien Radständer und schloss es ab. Da entdeckte ich Tamy mit feuchten Augen und verschmiertem Lidstrich. „Lilly!“, hauchte sie. Ich riss sie in meine Arme und drückte sie fest an mich, dankbar, dass ihr nichts fehlte. „Tamy, es tut mir so leid!“, schniefte ich in ihre dunklen Haare. Als ich mich löste, bemerkte ich die Beule an ihrer Stirn. Vorsichtig berührte ich sie. „Das wollte ich nicht!“ Tamy nickte. „Ich weiß!“
Ich seufzte tief und wischte mir über die Augen. „Vermutlich ist heute mein letzter Schultag. Die Friedrich wird sich nicht lange bitten lassen. Also sage ich es dir gleich: Du hattest Recht, ich brauche wirklich Hilfe!“
Tamy packte mich am Arm. „Hör mir gut zu, Lilly! Niemand außer mir und Max hat gesehen, was du getan hast. Die Reporter halten Max für den Schuldigen, also halt einfach deine Klappe. Max‘ Geschichte klingt plausibel. Wir müssen das nicht allen auf die Nase binden!“
Ich sah sie überrascht an. „Aber es war doch meine Schuld, dass der Busfahrer die Kontrolle verloren hat!“ Tamy nickte. „Das weiß Max, ich weiß es, und du weißt es auch. Aber denk nach: Es war ein unglückliches Missgeschick eines Jungen, der mal austreten wollte. Die Versicherung kommt für den Schaden auf. Wenn du die Wahrheit herumposaunst, wird das ernste Folgen haben, für dich – weil du ihn getreten hast – und für ihn, weil er aufgestanden ist, um dich zu ärgern.“
Oje, wenn die Versicherung nicht dafür aufkam, musste Konstantin zahlen! Das würde uns ruinieren. Mein Sinn für Gerechtigkeit schrie, dass das falsch war. Alles stand und fiel mit Max‘ Aussage. Wenn er doch noch die Wahrheit erzählte, würde ich dumm dastehen, wenn ich nun schwieg.
„Ich muss mit Max reden. Ich muss mich entschuldigen und ihm danken, dass er mir den Rücken freigehalten hat. Aber es ist irgendwie nicht richtig!“, dachte ich laut. Tamy lachte auf. „Das ist der erste vernünftige Satz, den ich von dir über ihn höre. Das schenkt mir Hoffnung!“…
Perspektive 2 / Der Krieger (Konstantin):
… Ich richtete meinen inneren Blick auf Sommerland aus. Ich wusste, fern am Horizont erstreckte sich irgendwo eine grüne Erhebung, Sommerflu. Ich musste nicht lange überlegen, wie es dort einmal ausgesehen hatte, denn das Bild hatte sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt: Da war das große Ratsgebäude gewesen, das sich majestätisch zwischen zwei gigantischen Mammutbäumen in den Himmel geschraubt hatte. Sommerflu, die wunderbare Stadt der Sommerkönigin, war damals nach Atahar auch zu meinem Zuhause geworden. Nur einen Gedanken, nur einen, dann würde ich dort sein und sehen, ob Sommerflu die Feuersbrunst von damals überstanden hatte. Ich kämpfte die Geister der Vergangenheit nieder. Jetzt war nicht die Zeit, mich meiner Wehmut hinzugeben. Nur Lilly zählte jetzt. Ich musste sie einfach finden, sonst würde sie nie erfahren, wie ich ihr gegenüber tatsächlich empfand. Das durfte nicht passieren, sie musste die Wahrheit wissen! Ich dachte, da wäre noch genügend Zeit, es ihr schonend beizubringen; ihr zu sagen, dass ich nicht ihr Bruder war, doch ich hatte mich getäuscht. Ich war es so leid, ihr etwas vorzuspielen. Für jeden Kuss, den ich zurückhalten musste, für jede Umarmung, die mir verwehrt blieb und für jeden Moment, in dem ich meine Liebe hinter der beherrschten, brüderlichen Fassade verstecken musste… bei den Göttern, ich würde sie finden und es ihr endlich sagen und wenn es das Letzte war, das ich in diesem Leben noch vollbringen würde! Diesen Schwur gab ich mir selbst. Ich fand, auch ich hatte endlich die Wahrheit verdient und ein Leben ohne Lügen. Nun gut… Ich prüfte den Sitz meiner Waffen, dann wandte ich mich von der lebenserfüllten Steppe Sommerlands ab und durchquerte noch einmal die grünen, pulsierenden Lichter. Da war sie wieder, die kalte, weiße Hölle, die Winterland darstellte. Diese Welt ging mir so gegen den Strich. Sie arbeitete gegen meine Natur. Hier war alles so kalt, so kahl und still, so… tot. …
Perspektive 3 / Der Liebende (Max):
… Tröstend drückte ich sie an mich. „Ich weiß, doch bitte beruhige dich! Noch ist Lupil abgelenkt, aber wenn er dich hier so sieht, dann wird er sofort merken, dass du Konstantin doch kennst“, flüsterte ich ihr zu.
„Max, was ist los?“, hörte ich Lupils Stimme auch schon in meinem Rücken. Mist! Jetzt konnte ich nur noch eines tun, um diese Umarmung zu erklären. In diesem Augenblick reagierte ich nur. Ich ließ meine Lippen einfach auf die ihren fallen, wollte Lupil nur auf eine falsche Fährte lenken. Da fühlte ich ihren Atem, wie er mit meinem verschmolz. Mein Herz füllte sich wieder mit dieser einzigartigen Wärme. Meine edlen Absichten waren mit einem Mal völlig vergessen. Ein wildes Verlangen peitschte mich.
„Max!“, brülle Lupil. Er packte mich unsanft am Arm und zerrte mich gewaltsam von Lilly fort. Ich schnappte nach Luft und ließ sie wieder durch meine Lungen strömen. Vor mir drehte sich alles. Wow, das war …! Verdutzt schüttelte ich den Schwindel ab und suchte Blickkontakt zu Lilly. Dann kam ich endlich zu mir, schnallte, dass ich es geschafft hatte. Lupil konnte jetzt nur ihre Verwirrung lesen. Erleichtert machte mein Herz einen Hüpfer.
„Max, wenn Emerald das erfährt, wird er dich lynchen!“, brüllte mich mein Ziehbruder an. Er packte mich unsanft und zog mich von ihr fort. Verdammt, Lupil konnte immer noch in mir lesen! Ich konnte meine Gefühle für sie nicht vor ihm verstecken. Nein, das konnte ich nicht. Ich riss meinen Arm von ihm los und funkelte ihn feindselig an. „Wenn es dir so verdammt wichtig ist, was Emerald denkt, dann spiel doch weiterhin sein Äffchen. Ich kann keine falschen Freunde um mich herum gebrauchen!“, zischte ich ihm düster entgegen. Knisternd begann Es sich in mir zu regen. Scheiße! Ich musste hier raus, schnell, bevor sich meine Gabe entfesselte und noch jemand zu Schaden kam. Ich ging mit langen Schritten Richtung Ausgang.
„Max!“ Ich ignorierte Lupil. Keine Ahnung, was da gerade geschehen war. Als ich zurück zu Lilly blickte, sah ich ihr verständnisloses Gesicht und über ihr das Portrait des Mannes, der auch jetzt mit seinem wahnsinnigen Blick auf sie hinunterstarrte. Konstantin. Mann, das war alles total verrückt! Alles, was ich wusste war, dass ich sie gerade mit allem beschützen wollte, was ich aufbieten konnte, vor Lupil und Emerald, vor diesem gefährlichen Scheißkerl im Kriegerkostüm an der Wand, vor der ganzen Welt und vor allem vor dem riesengroßen Idioten, der sich selbst nicht unter Kontrolle hatte.
Also ging ich, damit sie sicher war. …
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